DIE GROSSE FEHDE
Ein Roman aus dem Dortmunder Krieg von 1388/89
 
 
 

DIE GROSSE FEHDE - Dortmund im Spätmittelalter










Vom Ort zur Stadt - dieser Wandel vollzieht sich in der Stauferzeit im 12.
und 13. Jahrhundert.
Die Stadt löst sich - ausgehend von Privilegierungen der staufischen Könige
Konrad III., Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II. - aus der herrschaftlichen
Umklammerung des Königtums und seiner Beamten vor Ort, an der Spitze
der Graf von Dortmund.
Der Wandel wird schon daran deutlich, dass die Könige nach den Zerstörungen
eines großen Stadtbrandes im Jahre 1232 die alte Königspfalz nicht mehr neu
errichten. Im großen Privileg Friedrichs II. aus dem Jahre 1236, das alle Reichs-
privilegien seiner Vorgänger bestätigt, die im Brand vernichtet worden waren,
erkennt der König die Dortmunder Bürgergemeinde als rechtsfähige Genos-
senschaft an. Friedrich II. nämlich richtet sich mit diesem Privileg an die
"universitas civium Tremoniensium", an die Gemeinde der Bürger von Dort-
mund also, um folgende Rechte zu bestätigen: Dortmunder haben ihren
Gerichtsstand ausschließlich in Dortmund, Dortmunder genießen im gesam-
ten Reich Zollfreiheit und dürfen nicht zum Duell aus unrechtem Grunde
gefordert werden. Mag dies aus heutiger Sicht zwar in den inhaltlichen
Bestimmungen karg erscheinen, so ist es auf der anderen Seite für die mit-
telalterliche Gesellschaft etwas völlig Neues: Der König richtet sich mit diesem
Privileg an die Bürgergemeinde und setzt allein dadurch schon die Gemein-
schaft der Dortmunder Bürger vom Umland als Reichsstadt ab.

Der Zuwachs der Bedeutung wird auch im Stadtbild deutlich: Um 1200 wird
die Stadt auf den Umfang erweitert, der noch heute im Wallring um die City
gut zu erkennen ist. Diese Erweiterung auf rund 82 ha Fläche sollte der
städtischen Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert genügend Raum bieten -
erst die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts sprengte diesen Bezirk.
Sichtbares Zeichen der städtischen Autonomie Dortmunds ist das sogenannte
Turmsiegel, das große Siegel der Stadt. Die Bildung der Bürgergemeinde
wird damit im Rechtsleben des Mittelalters anerkannt, denn die Stadt stellt
mit diesem Siegel wichtige Verträge und Urkunden aus; damit erkennen
Vertragspartner die Stadt grundsätzlich an.
Dieses Siegel, erstmals 1241 überliefert, reicht aber mit Sicherheit in das
12. Jahrhundert zurück. Die Bemühungen der Stadt um Selbstverwaltung
und politische Autonomie stießen vor allem bei dem Grafen von Dortmund,
dem ranghöchsten Vertreter des Königtums für die Verwaltung des Reichs-
gutes in der Region, auf mächtigen Widerstand. Die Grafen von Dortmund,
eine Familie aus dem Kreis der Reichsministerialität, nahmen für den König
zahlreiche Rechte in Dortmund wahr, etwa für Markt, Münze oder auch das
Braurecht. Auseinandersetzungen zwischen Graf und Stadt waren dadurch
vorprogrammiert.
Wir erkennen die Auseinandersetzungen in den urkundlich erhaltenen Ver-
trägen; der erste stammt von 1241: Der Graf verkauft sein Haus am Markt,
das in der Folge schon bald als Haus der Bürger zum Rathaus werden sollte.
In den folgenden Jahren setzt die Stadt dies fort, um Zug für Zug die Rechte
des Grafen von Dortmund aufzukaufen, bis im Jahr 1504 schließlich alle
Rechte des Grafen als Reichslehen von der Reichsstadt erworben werden
können.
















In einem Vertrag von 1241 wird erstmals ein Ratsgremium erwähnt - die 18
namentlich genannten "Consules" besiegeln die Urkunde für die Stadt.
Die Stadt Dortmund kann also mit dem Grafen von Dortmund gleichberechtigt
Verträge schließen. Erstmals in der Geschichte der Stadt wurde ein Gremium
für die Vertretung der Interessen der Bürgergemeinde tätig.
Heftig umstritten war in den folgenden Jahrhunderten, wer im Stadtrat sitzen
sollte. Waren dies zunächst die Fernkaufleute, zusammengeschlossen in der
Reinoldigilde, so versuchten die Handwerker-Bürger über ihre Zünfte eine Mit-
bestimmung des Rates und in der Folge eine Partizipation am Ratsregiment zu
erreichen.
Am Dortmunder Beispiel lässt sich sehr gut nachvollziehen, dass die Stadt des
deutschen Mittelalters auf einer modern anmutenden wesentlichen Neuerung
beruhte. Wollte Dortmund in der von den Territorialherren Grafen von der Mark
und Erzbischöfe von Köln feindlich geprägten Umgebung überleben, musste die
Stadtgemeinde den Konflikt durch Kompromiss im Konsens beenden.
Immer wieder hat die Dortmunder Bürgergemeinde dies geschafft und war sich
dessen bewusst.
1260 erreichen die Zünfte so eine Mitwirkung an der Ratswahl; nach einem Auf-
stand gegen den Rat wegen Misswirtschaft erhalten die Zünfte schließlich im
Jahre 1400 die ersten Ratssitze.
Die Stellung als autonome Reichsstadt brachte Dortmund eine Sonderposition,
verschaffte der Stadt gleichsam den Status der Eigenstaatlichkeit. Dem König
huldigte die Stadt nach seiner Wahl und erhielt im Gegenzug eine Bestätigung
der Reichsprivilegien.
Die politische Sonderstellung als einziger Reichsstadt Westfalens gründete auch
auf der wirtschaftlichen Entwicklung. Im 14. Jahrhundert galt Dortmund, mit
damals rund 7 000 Einwohnern eine der größeren Mittelstädte mit überregionaler
Ausstrahlung, als eine der wichtigsten Hansestädte. Hatten Dortmunder Kaufleute
bis in das 13. Jahrhundert hinein die Warenströme zwischen Mitteleuropa und dem
Nordosten - dem Ostseeraum -, zusammen mit Soester und anderen westfälischen
Kaufleuten vermittelt, so verlagerten sich die Schwerpunkte der Handelstätigkeit
mit dem Aufstieg der Hanse nach Westen, nach Flandern und nach England.
Hier waren Konsortien unter Führung Dortmunder Kaufleute so aktiv, dass man
den Wollexport aus England auf den Kontinent weitgehend kontrollierte.
Dortmunder Kaufleute handelten aber auch mit Tuchen, Wein, Spezereien und
- dies darf nicht vergessen werden - sie exportierten die Eisen- und Stahlerzeug-
nisse der Stadt und des märkischen Sauerlandes in die Welt.



























Spektakulärste Finanztransaktion Dortmunder Kaufleute war die Auslösung der
englischen Königskrone für 45.000 Gulden im Jahre 1343 durch ein Konsortium
von Kaufleuten aus Dortmund. Die Königskrone war zur Finanzierung des
Hundertjährigen Krieges an den Erzbischof von Trier verpfändet worden, der
aber die Kriegspartei gewechselt hatte.

Zeit der Krisen
Das 14. Jahrhundert war aber auch eine Zeit der Krise für die Stadt. Zwei Ereignisse
verdeutlichen dies nachhaltig: 1350 näherte sich Dortmund die Pest, der in Europa
rund 40 % der Bevölkerung zum Opfer fiel.
Für Dortmund gibt es keine genauen Angaben, doch ist nachvollziehbar, wie das
Massensterben zu einer tiefen Krise der städtischen Gesellschaft führte.
Schuldige waren rasch gefunden.
Man betrachtete die Seuche entweder als Strafe Gottes oder machte die Juden als
Brunnenvergifter aus. So hat man auch in Dortmund 1350 die Juden aus der
Stadt vertrieben; noch vor dem Eintreffen der Pest in Dortmund aber hatte sich
der Rat mit dem Grafen von der Mark geeinigt, wie man das Eigentum der Juden
aufteilen wollte. Die Vertreibung der Juden diente der Bereicherung der Stadt
und des Grafen.

Eine zweite Krise kam auf die Stadt zu DIE GROSSE FEHDE: Dortmund war um-
geben von den Territorien der Grafen von der Mark und dem Vest Recklinghausen
der Erzbischöfe von Köln. Beide störten sich für die Entwicklung ihres Territoriums
an der zentralisierenden Wirkung der Wirtschaftskraft Dortmunds, da ein großer
Teil deren Wirtschaftslebens über Dortmund abgewickelt wurde. 1388/1389 er-
klärten sie Dortmund den Krieg und belagerten die Stadt. Dortmund konnte nicht
eingenommen werden, doch lag der Handel brach und die Stadt musste sich für
den Krieg trotz ihres Sieges erheblich verschulden. Bis zum Jahre 1410 war die
Stadt nur bedingt handlungsfähig und erholte sich nur zögernd.

Dass sich das Wirtschaftsleben aber weitgehend erholte, dies zeigen die reichen
Stiftungen der Bürger seit etwa 1410 und vor allem der Neubau des Chores der
Reinoldikirche seit 1421. Dieses Großbauwerk der mittelalterlichen Stadt können
wir noch heute bestaunen, selbst wenn die reiche Ausstattung mit farbigen
Fenstern seit dem Zweiten Weltkrieg bis auf wenige Fragmente verloren gegangen
ist.
Dortmund des 14. und 15. Jahrhunderts, das war auch eine Stadt der Kunst und
Kunstproduktion. Dortmunder Maler, Steinmetze und Goldschmiede arbeiteten
für den Export und Dortmunder Baumeister waren auch außerhalb der Stadt tätig.
Conrad von Soest, der Dortmunder Meister, dessen Arbeiten wir seit 1403 kennen,
hatte internationale Bedeutung für die Entwicklung der Malerei. Nur wenig von den
Kunstschätzen des Mittelalters hat die Reformation und die folgenden Wirren über-
lebt, aber das wenige kann sich sehen lassen.
Die Kirchen St. Reinoldi und St. Marien sind Kleinodien mittelalterlicher Architektur
in der Stadt. Das Marien-Retabel des Conrad von Soest und das Retabel eines
anonymen Dortmunder Meisters, des Berswordt-Altars, in der Marienkirche sind
Spitzenerzeugnisse ihrer Zeit, die eine Dortmunder Malertradition von überregio-
naler, ja internationaler Bedeutung erkennen lassen.
Das Retabel des Derick Baegert aus Wesel in der Propsteikirche St. Johann aus der
Zeit um 1470/1480 setzt einen Markstein für die Entwicklung der Malerei am
Niederrhein und in Westfalen.
Der heute in St. Petri zu sehende Antwerpener Schnitzaltar von 1517-1521, ur-
sprünglich den Dortmunder Franziskanern gehörend, zählt zu den besterhaltenen
und größten Erzeugnissen der Antwerpener Werkstätten.
Die Reinoldus-Statue aus dem beginnenden 14. Jahrhundert in der dem Stadt-
patron geweihten Kirche gehört zu den ältesten erhaltenen Holzplastiken des
Mittelalters; das Retabel des Hochaltars in St. Reinoldi aus der Zeit um 1420
wurde aus Flandern importiert. All dies zeigt in Dortmund die Ausprägung und
Eigentümlichkeiten städtischer Kultur des späten Mittelalters.